ob (das Gesehene) noch für andere existiert
Als Teil eines Preises eines Jugendkompositionswettbewerbs verbrachte ich 2016 im Alter von 19 Jahren meine erste Künstlerresidenz auf einem kleinen, abgelegenen Schloss. Gerade das zweite Semester meines Kompositionsstudiums absolviert, schienen die Tage dieses einsamen Monats in der Einöde nicht enden zu wollen.
Ich konnte noch nichts anfangen mit diesem Residenz-kram, Künstler:innen bloße und bedingungslose Konzentration auf die künstlerische Arbeit zu ermöglichen. So existierte ich von Mahlzeit zu Mahlzeit vor mich hin, hauptsächlich konzentriert auf die gähnende Langeweile, die mich stets verfolgte.
Nach einiger Zeit jedoch entdeckte ich eine alte, verlassene und heruntergekommene Kirche am Rande des Schlossgeländes. Darin: Eine kleine, manuelle, einmanualige Orgel. Ohne jegliche Einschränkung begann ich eine ziellose, hörende Erforschung. Ich verbrachte Stunden an, in, und um diese Orgel - meist hörte ich einzelnen Klängen einfach nur minutenlang von verschiedenen Stellen im Raum und in verschiedensten Körperhaltungen zu, wurde seltsam vertraut mit dem Kirchenraum und dem Instrument, teilte meine Langeweile.
Gegen Ende der Residenz stellte ich in einer dieser Hör-Momente ein Aufnahmegerät auf - ein Zoom H2n, kein hochwertiges Mikro, welches meine Hörerfahrung adäquat abbilden könnte. Die entstandene Aufnahme ist nicht lang, sie ist weder eine Improvisation, noch eine Komposition, sie ist lediglich ein Ausschnitt, ein Dokument, eine archivierte Hör-Erinnerung der Zeit, die ich alleine in der verlassenen Kirche mit dieser kleinen Orgel verbrachte.